Markt Hofkirchen

Eine Distel, die Hofkirchen reich machte

Der Posthalter Reischer von Hofkirchen ist weit in der Welt herumgekommen. Jetzt gerade ist er aus Frankreich zurückgekehrt. Darum füllt er sich auch am Sonntag seine Gaststube mit Nachbarn und Freunden. Fest drückt der Wirt jedem Gast die Hand. Dann aber macht er seine Freunde wirklich neugierig. Er habe ihnen etwas mitgebracht, sagt er, etwas ganz, ganz Seltsames. Er geht in die Kuchel und kommt mit einem Säcklein wieder.

"Ah, einen Geldsack", lacht der Schneider Hans.
"Noch nicht! Geld muss erst daraus wachsen", sagt der Posthalter.
"Ein Geldsamen ist da drinnen. Schaut, Manner, ihr habt alle daheim nur ein paar kleine Ackerl. Und was bringen sie euch? Ein paar Zentner Erdäpfel. Die braucht ihr leicht selber zum Leben. Ein paar Scheffel Getreide. Das reicht nicht einmal für euer täglich's Brot. Verkaufen könnt ihr gar nichts. Ewig bleibt ihr nötige Häusler. Wenn ihr aber Karden Disteln anbaut wie die Kleinbauern in Südfrankreich, dann tragt euch ein kleines Ackerl soviel Geld ein wie dem Gäubauern ein großer Weizenacker."

Da springt der Häslmaier auf: "Möchtest uns zum Narren halten? Disteln auch noch anbauen? Die wachsen schon von selber, mehr als genug."

"Nur schön langsam", sagt der Posthalter. "Das sind ja ganz andere Disteln, noble, vornehme. Karden heißen sie. Die verblühten Distelköpfe kaufen euch die Fabrikherren ab. Diese Disteln brauchen sie , um damit die Stoffe und Tuche schön weich und warm aufzurauen. Und ihr kriegt dafür teures Geld. Probiert's einmal und baut diesen Kardensamen an!" Dann erklärter ihnen noch genau die Wart und Pflege, die eine solche Distel braucht.

Zuletzt horchen ihm die Männer so gespannt zu, dass sie darüber schier aufs Trinken vergessen. Wie sie dann auseinandergehen, trägt jeder in seinem leeren Tabaksbeutel eine handvoll Kardensamen heim.

Im übernächsten Sommer blühen um Hofkirchen die ersten Kardenfelder und im Herbst stecken die Hofkirchener stolz und glücklich die ersten Taler dafür ein.

Von Jahr zu Jahr werden die Distelfelder mehr und die Hofkirchener sind ordentlich stolz geworden auf ihre Karden.
Im letzten Krieg aber haben sie jedes Fleckchen Erde fürs tägliche Brot gebraucht. Seitdem sind die Kardenfelder, die sie viele Jahre ernährt haben, wieder verschwunden.

(Auszug aus dem Heft Nr. 101 der Reihe "Niederbayerische Hefte")
Noch heute erinnert die Straßenbezeichnung des Kardenweges in Hofkirchen an den einst blühenden Handel mit den Kardendisteln.